PZ-Bericht vom 16.Februar 2006
„Plötzlich ist da ein Fremder ...“
Klaus Schwingel beschreibt eine schwierige Nachkriegs-Kindheit
Von PZ-Mitarbeiter Markus Fuhser
„Die Weit unserer Kindheit war kleinbürgerlich und eng. Unser Aktionsradius betrug
ungefähr zehn Kilometer. So weit, wie man zu Fuß, mit dem Fahrrad oder einem Fuhrwerk kam. Wir hatten kein Auto. keinen Fernseher, kein Telefon, kein Handy und kein Internet. Und den Traum von der großen weiten Welt versuchten uns unsere Väter auszureden, denn sie waren ihr gerade entronnen."
Diese Sätze stellt Klaus Schwingel seinem Buch „Vaters Rad" voran. Ein Buch. das
eine Kindheit und Jugend beschreibt, die eine ganze Generation ihr Aufwachsen in den ländlich geprägten Regionen Deutschlands wieder finden lässt. Eine etwas unbeachtete Generation, wie der Autor meint. Die Jugend jener, die den Krieg noch bewusst erlebt hatte, sei ausreichend beschrieben und erforscht. Auch die Zeit jener, die nach dem Krieg geboren wurden. Wenig aber sei zu lesen, meint Schwingel, von jenen Kindern, die, wie er auch, um 1940 geboren wurden.
Kurzgeschichten hat der studierte Maschinenbauer, der seit 40 Jahren mit seiner Familie in Pirmasens lebt. einige geschrieben, meist mit satirischem Inhalt und spitzer Feder. An ein Buch hat er sich erst nach der Pensionierung im Jahre 2001 gewagt. Das Thema des Buches ist der Annäherungsprozess des fünfjährigen Jungen Ulli, der zentralen Figur der Geschichten, an den unbekannten Vater, der 1945 aus dem Krieg nach Hause kommt.
„Die Kinder, die kurz vor oder während des Krieges geboren worden waren, kannten ihre Väter gar nicht. Oft waren sie völlig unvorbereitet auf deren Rückkehr. Viele empfanden diese Rückkehrer sogar als Störenfriede", sagt Schwingel. Aus dieser Konfrontation seien Konflikte entstanden, die meist ein Leben lang anhielten. „Denn
beide, Väter wie Kinder, waren doch vom Krieg seelisch gezeichnet, traumatisiert".
Schwingel selbst war gerade fünf Jahre alt, als sein Vater aus dem Krieg zurückkam. Er war 16. als sein Vater 1956 starb. In dieser Zeit begann er über das schwierige Verhältnis zwischen sich und dem Vater nachzudenken, ein Nachdenken, das er, später auch in Form von Kurzgeschichten zu verarbeiten begann.
Doch „Vaters Rad“ ist keine autobiographische Erzählung. Die einzelnen Episoden sind fiktiv, erzählt Schwingel. „Sie erhalten zwar einzelne Elemente eigener Erlebnisse, aber die freie Phantasie überwiegt."
In der Hauptsache geht es um ein Fahrrad, dass der heimkehrende Vater tagelang mit
sich geschleppt hatte, um es seinem 1945 fünf Jahre alten Sohn zu schenken. Doch der Sohn, für den der Vater ein Fremder ist, will das Fahrrad nicht.
In kurzen dichten, szenischen Episoden erzählt Schwingel aus dem Alltag des Jungen. Aus dessen Sicht erfährt der Leser etwas über Tiefflieger und nächtliche Keller-Aufenthalte, über den Einmarsch der US-Amerikaner und über das Dorfleben in diesen Ausnahmezeiten. Auch das persönliche Umfeld bildet sich ab in den dicht beschriebenen kleinen Szenen: der Tod der Großmutter, der Kauf des Konfirmationsanzuges, die verschmähte Liebe. Und dann der Tag im August, an dem der Vater aus
dem Krieg zurückkam.
„Diese Zeiten waren für viele sehr tragisch, doch ich wollte diese Jahre direkt nach dem Krieg aus der Sicht des Kindes darstellen, humorvoll, mit leichter Feder sozusagen", sagt der Autor. Dies ist Schwingel voll und ganz gelungen. In den kleinen Geschichten, manchmal nur drei, vier Seiten lang, entsteht ein Bild eines kleinen Ortes in der Nachkriegszeit, unsentimental und genau, manchmal sogar sehr lakonisch in der Beschreibung seiner Bewohner und deren Verhalten in der Zeit US-amerikanischer und französischer Besatzung. Schwingel wertet nicht und immer ist die Zuneigung des Autors zu seinen Figuren
Dem Autor gelingt es, mit wenigen Sätzen, mit kurzen, genauen Dialogen Menschen zu zeichnen, in einer kurzen Begebenheit eine ganze Zeit sichtbar zu machen. Und das Erwachsenwerden eines Kindes und dessen meist stumme Auseinandersetzung mit dem lange fremd bleibenden Vater. Mit 15 Jahren benutzt der Junge Vaters Rad dann doch noch, um zum Fußballspiel zu fahren. Der Vater stirbt und sein Sohn wusste nicht. was er zu dem Sterbenden sagen sollte.
„Er beschloss, das Fahrrad nicht umzulackieren. (...) Es war gut so, wie es war, denn es war das beste Fahrrad, das er sich vorstellen konnte. Das hätte er seinem Vater sagen sollen, dachte Ulli. „Es ist das beste Fahrrad, das ich mir vorstellen kann!“ Doch dazu war es nun zu spät.
„Eine saarländische Kindheit" lautet der Untertitel des Buches, mit dem Schwingel
nicht so glücklich ist. Erzählt hat er eine Kindheit, die ähnlich der seinen war, in einem Umfeld, das er kennt. „Die Geschichte könnte irgendwo in Deutschland spielen, der beschriebene Grundkonflikt war überall der gleiche".
Es ist auch wirklich etwas schade, dass dieses gelungene Stück Literatur seinen Weg
schwer aus den regionalen Buchhandlungen finden wird. Doch erfährt man durch die
Verankerung der Geschichten im Bliestal nebenbei auch etwas über die besondere Situation unserer Nachbarn in der Zeit nach 1945, als das Saarland unter der Kontrolle der französischen Besatzungsmacht kurze Zeit zum „europäischen Staat" wurde, bis sich rund 70 Prozent der Saarländer in einer Volksabstimmung im Oktober 1955 für den Anschluss an die BRD aussprachen.
Klaus Schwingel wurde 1940 in der Nahe von St Wendel geboren. 1965 kam der Maschinenbauingenieur nach Pirmasens. Seit 1989 war er selbstständig, bis er 2001 in den Ruhestand ging. Seine Frau Ingeborg war lange Jahre Lehrerin an der Husterhöhschule. Das Paar hat drei Kinder und fünf Enkel. Vor 15 Jahren begann Schwingel zu schreiben, meist Kurzgeschichten. „Vaters Rad" ist sein erstes Buch. Erschienen ist es im Wartberg-Verlag und in jeder Buchhandlung zu bestellen.