... (ich) begann verzückt einen Psalm zu rezitieren, den mir Pfarrer Fischer vor 50 Jahren eingebläut hatte:
„Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt ...“
„Ja, ja! ... und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt ...“, unterbrach Gott mich barsch, „na und? Das ist ein Regenschirm. Was ist daran Besonderes?“
„Ist der Psalm nicht eine Metapher?“, fragte ich erstaunt.
Aber Gott antwortete nicht und sofort war mir klar, dass ich ihn verärgert hatte. Vielleicht hielt er mich ja für einen Heuchler. Oder er durchschaute mich und wusste, dass ich keineswegs bibelfest war. Vielleicht kannte er meine Glaubenszweifel und – gütiger Gott! – vielleicht wusste er, dass ich vor Jahren aus der Kirche ausgetreten war.
Nachdem wir eine Weile geschwiegen hatten, sagte Gott:
„Man macht sich keine Vorstellung davon, wie oft ich solchen Belästigungen ausgesetzt bin. Sobald ich mich zu erkennen gebe, beginnen die Menschen aus der Bibel zu zitieren oder aus der Thora. Oder sie versuchen mir mit Koransuren zu imponieren.“
Ich versuchte ihn zu beschwichtigen, aber er ließ sich nicht unterbrechen.
„Das ist sehr anstrengend“, schimpfte er, „denn auch unsereins möchte sich einmal entspannt und unverfänglich unterhalten!“
„Es tut mir so leid! Wenn ich nur geahnt hätte ...“
„Man könnte wenigstens auf mein Alter Rücksicht nehmen! Ich möchte mich auch einmal über ganz profane Dinge unterhalten, zum Beispiel über Aida.“
„Wenn ich das nur geahnt hätte!“
„Oder über Regenschirme“, sagte er, „weshalb nicht über Regenschirme?“
„Oder über das Wetter?“, fragte ich vorsichtig.
„Richtig! Über das Wetter!“, bestätigte Gott. „Falls ich nicht dafür verantwortlich gemacht werde.“
„Ich kann nur wiederholen, wie leid es mir tut!“
„Fehlt nur noch das Wort“, sagte Gott mit erhobener Stimme.
„Welches Wort?“
„... das Wort, das ich angeblich gesagt habe. Am Anfang sei das Wort gewesen. Lächerlich!“
„Stimmt das denn nicht?“, fragte ich erstaunt.
„Natürlich nicht! Mit wem hätte ich mich denn unterhalten sollen? Ich führe doch keine Selbstgespräche!
(...)