Leseprobe
22 aus

Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956



"Peinlich, peinlich!"
Ende November 1955

(...) "Paris und Bonn hatten die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich gezogen, um vorzugaukeln, wie demokratisch sie die Saarfrage lösen wollten. Prompt fielen sie auf den Bauch und ernteten weltöffentliche Schadenfreude. Hielten sie unter diesen Umständen an ihrer Vereinbarung fest, missachteten sie also das Wählervotum, würde sich die Schadenfreude der Welt sehr rasch in Protest verwandeln. So brach Paris sein Schweigen und trat dieser Tage die Flucht nach vorne an: Frankreich respektiere den Willen der saarländischen Bevölkerung, so war zu hören, und erklärten sich bereit, deren Zugehörigkeit zu Deutschland zu akzeptieren, falls dies der Wille der saarländischen Bevölkerung sein sollte."

Nikita sah forschend in die Gesichter seiner Schüler.

"Habt ihr verstanden, was das bedeutet? Es muss wieder Verhandlungen geben, in denen festgelegt wird, wie die Angliederung der Saar an Deutschland im Einzelnen erfolgen wird. Und Deutschland bekommt ein neues Bundesland, das über seine Zugehörigkeit zur Bundesrepublik selbst entschieden hat - gegen den Willen der französischen Regierung und gegen den Willen des deutschen Kanzlers. Nach allem, was ich über Geschichte weiß, ist dies ein nie da gewesener Vorgang! In der Geschichte wurde fortwährend Land geraubt, besetzt, okkupiert. Wie ihr wollt. Aber niemals hat es den umgekehrten Vorgang gegeben. Niemals hat ein Land sich selbst das Mutterland ausgesucht - und die Adoption gegen den Willen der neuen Mutter durchgesetzt."

(...)



Copyright © Klaus Schwingel