Leseprobe
21
aus
Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956
"Dann bis morgen..."
Samstag, 22. Oktober 1955
(...) Das Gesicht, das sich über ihn beugte, war ausgesprochen hübsch. Es lächelte und brachte mit sanfter Stimme Laute hervor, an die sich Ulli aus frühester Kindheit erinnerte, wenn ihn Mutter in den Schlaf gesungen oder mit leiser, beruhigender Stimme Geschichten erzählt hatte. Ulli wunderte sich darüber, dass er die Wärme einer Stimme und die Schönheit eines Gesichtes wahrnahm, denn es war ihm speiübel. Er erbrach sich ununterbrochen. Es roch penetrant nach Galle.
Das Gesicht gehörte zu einer Nonne. Ulli versuchte sich aufzurichten und stellte fest, dass er in einem Bett lag. Der Raum war lichtdurchflutet, zu hell für seine schmerzenden Augen. Die Nonne hielt eine Brechschale unter seinen Mund und versuchte ihn zu trösten. Es ginge bald vorüber, erklärte sie immer wieder. Der Brechreiz sei ganz normal und komme von der Narkose. Aber nun sei alles vorüber. Als ihr Gesicht wieder über ihm war, erkannte er die blaue Farbe ihrer Augen.
Sie sagte:
"Schlaf ruhig weiter. Es ist gut wenn du schläfst."
"Warum haben Engel blaue Augen?", fragte Ulli.
"Engel?"
"Ja, alle haben blaue Augen."
"Ich weiß nicht, warum das so ist", antwortete sie.
"Es ist mir sehr unangenehm", sagte Ulli, während er erneut Galle hervorwürgte. Es kam nichts mehr. Sein Magen war leer. Aber der Brechreiz ließ nicht nach.
"Es muss dir nicht unangenehm sein. Es ist alles ganz normal", beruhigte sie ihn. "Wie heißt du eigentlich? Stimmt das, Ulrich?"
"Ulrich? Ulrich. Nein, Ulli! Ich heiße Ulli."
"Schön. Ulli!", sagte sie, "ich bin Schwester Domiticia."
"Schwester Domi… ?"
"Schwester Domiticia. Wenn du es dir nicht merken kannst, sage einfach Schwester."
"Domi… ?"
"Domiticia", sie lachte, "wie alt bist du, Ulli?"
"Fünfzehn. Ich habe Durst."
"Dann hast du die Narkose bald überwunden, Ulli. Mit fünfzehn ist das eine Kleinigkeit!"
"Durst."
"Ein paar Stunden darfst du nichts trinken. Ich kann dir die Lippen anfeuchten."
"Wie viele Stunden?"
"Vierundzwanzig."
"Mein Gott!"
"Das schaffst du! Kopf hoch!"
(...)
Copyright © Klaus Schwingel