Leseprobe
20 aus

Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956



Der Dicke muss weg
Samstag, 9. Juli 1955

(...) Plötzlich griff der Coburger in seine Hosentasche und legte eine Schachtel Zündhölzer auf den Tisch. Sofort fiel das merkwürdige Etikett auf. Es war ein kleiner Aufkleber, der über die Originalbeschriftung geklebt war: ‚Der Dicke muss weg!' stand unter einer rundgesichtigen Karikatur. Mit dem Dicken war Johannes Hoffmann gemeint, der saarländische Ministerpräsident, der von der Bevölkerung Joho genannt wurde.
"Sei vorsichtig damit!", warnte Vater, "Wenn sie dich erwischen, bekommst du Bau."
Aber den Coburger beeindruckte das nicht. "Der Dicke muss weg!", rief er stattdessen und "Franzosen Hals ab!"
"Du redest dich um Kopf und Kragen, Jupp", sagte Vater.
Plötzlich hielt der Coburger mehrere perforierte Papierbögen in der Hand. Sie bestanden jeweils aus etwa dreißig kleinen Aufklebern, die man wie Briefmarken heraustrennen konnte, um sie auf irgendwelche Gegenstände zu kleben. Er reichte sie Ulli und ehe jemand widersprechen konnte, war der Coburger verschwunden.
Als Erster fand Vater die Sprache wieder:
"Wir werden das Zeug verbrennen!"
Ulli widersprach:
"Du willst doch auch, dass der Joho verschwindet. Oder?"
"Aber nicht so", widersprach Vater, "dann soll man ihm offen gegenübertreten."
"Was hat der Joho eigentlich falsch gemacht?", wollte Mutter wissen.
"Der Joho ist eine Marionette Frankreichs", sagte der alte Endrikat. "Die Menschen haben das Spiel natürlich durchschaut und schlagen sie nun mit ihren eigenen Waffen, indem sie nicht Frankreich, sondern dem Stellvertreter Joho in den Hintern treten. Das ist einfacher und vor allem weniger gefährlich."

(...)



Copyright © Klaus Schwingel