Leseprobe
19
aus
Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956
Die Weltmeisterschaft
Sonntag, 4. Juli 1954
(...) Als Ulli nach Hause kam, wollten seine Eltern alles ganz genau wissen.
"Wir haben gewonnen!", jubelte Ulli, "Deutschland ist Weltmeister!"
"Ich weiß", sagte Vater, "wir haben die Übertragung im Radio gehört."
"Konnte man im Fernsehapparat alles richtig sehen?", wollte Mutter wissen.
"Wir standen ganz hinten. In dem Saal waren bestimmt zweihundert Menschen. Ich konnte nicht viel sehen. Den Ball habe ich überhaupt nicht gesehen..."
"... hast du das letzte Tor nicht gesehen?", fragte Vater.
"... nicht den Ball. Auf einmal sprangen alle hoch und jubelten und tobten. Man konnte überhaupt nichts mehr verstehen."
"Schade", sagte Mutter, "ich stelle mir das schön vor, wenn man im Fernsehapparat alles genau sehen kann, was gerade irgendwo passiert."
"... und als dann der Schlusspfiff kam, war die Hölle los! Die Leute fielen sich um den Hals. Und dann begannen einige zu singen..."
"...was sangen sie?", wollte Vater wissen.
"Deutschland, Deutschland über alles, sangen sie..."
"Ist das nicht verboten?", fragte Mutter.
"... und auf dem Rückweg war am Bahnhof die Schranke geschlossen", fuhr Ulli fort, "als der Zug einlief, waren viele Fenster offen und die Fahrgäste streckten die Köpfe raus. Sie winkten und schwenkten schwarz-rot-goldene Fahnen. Alles steht Kopf!"
"Ja, mein Junge", sagte Vater, "wir haben es im Radio gehört. Wundert mich, dass Saarbrücken das tatsächlich übertragen hat. Überall im Saarland scheinen die Menschen auf den Straßen zu sein."
Dann fielen Namen. Fritz Walter, Ottmar Walter, Helmut Rahn, Toni Turek, Sepp Herberger. Plötzlich kannte Ulli Namen, die er nie zuvor gehört hatte. Es waren die Namen von Helden, von deutschen Helden! Ulli wunderte sich darüber, wie selbstverständlich er diese neuen Namen benutzte, wie vertraut sie ihm schon waren.
"Fritz Walter spielt beim 1.FC Kaiserslautern", sagte Vater, "das ist nur einige Kilometer von uns entfernt Junge. Da könnten wir hin spucken, wenn diese vermaledeite Grenze nicht wäre."
"Lass‚ doch wenigstens heute die Politik", protestierte Mutter, "es geht doch nur um Fußball."
Aber Vater widersprach:
"Nein, heute geht es sogar in hohem Maße um Politik. Heute werden die Franzosen begreifen, dass sie vielleicht das Land und die Kohle besitzen, aber niemals die Herzen der Menschen."
(...)
Copyright © Klaus Schwingel