Leseprobe
18 aus

Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956



Die verflixten Hosenträger
Ostern, 18./19. April 1954

Als Ulli - Hose haltend - vor dem Spiegel des Kaiserslauterer Herrenausstatters stand, wurde er von einem herablassend lächelnden Verkäufer begutachtet, der ihn nacheinander mit fünf verschiedenen Anzugjacken bedrängte.
"Schlüpfen Sie doch mal hier rein... ach man darf sicher noch du sagen."
Man durfte.
Ulli war die ganze Situation höchst peinlich und er wäre am liebsten im Boden versunken, denn Mutter fasste immer wieder nach dem Anzugstoff und rieb ihn prüfend zwischen Daumen und Zeigefinger:
"Was ist das für eine Qualität?", fragte sie ein ums andere Mal.
"Trevira, gnädige Frau. Knitterunempfindlich. Wenn Sie einmal anfassen wollen?"
"Ein schönes Stöffchen...", sagte Mutter und ging um Ulli herum, "... rein Trevira?"
"Die ist viel zu lang...", sagte Ulli und zeigte auf die überlangen Hosenbeine, "... und zu weit!"
Der Herrenoberbekleidungsfachverkäufer zog die Augenbrauen noch ein wenig höher und nickte bestätigend, als Mutter sagte:
"Wir dürfen den Anzug nicht zu knapp kaufen. Du wächst da noch rein."
Und dann fragte sie den Verkäufer zu Ullis Entsetzen: "Können Sie die alte Hose mit ein paar Heftstichen im Bein kürzen, damit sie nicht unter der neuen rausguckt? - Wegen der Zollkontrolle, Sie verstehen, was ich meine?"
"Aber gewiss doch, gnädige Frau", antwortete Seine Gnaden, der Herr Konfirmationsanzugfachverkäufer und Ulli wäre am liebsten geflüchtet. Aber er musste noch Socken, Oberhemd und Wäsche über sich ergehen lassen.

(...)



Copyright © Klaus Schwingel