Leseprobe
17 aus

Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956



Nikita
März 1954

Zu Beginn des 8. Schuljahres, im September 1953, richtete sich das Interesse der Klasse weniger auf die weltpolitische Bedeutung des neuen Kremlchefs Nikita Chruschtschow, als auf dessen äußeres Erscheinungsbild. Klein, dick, kahlköpfig und bauernschlau, das waren die auffälligsten Merkmale, die in der Wochenschau zuerst ins Auge gefallen waren und mit denen er in Presse und Radio beschrieben wurde. Einige billigten ihm darüber hinaus Humor zu, was jedoch im Allgemeinen auf entschiedenen Widerspruch stieß. Dem gesamten Kreml wurde in Sachen Humor grundsätzlich misstraut.
In den ersten Wochen seiner Amtszeit war Chruschtschow in jeder Kino-Wochenschau vertreten. Man sah ihn staatsmännisch - neben dem verstorbenen Stalin auf der Kremlmauer - dann jovial unter Kolchosebauern und auf einem mächtigen Traktor.
Fast zeitgleich mit Chruschtschow hatte Schömann die Bühne der 8c betreten. Er war der neue Klassenlehrer, der in den Fächern Deutsch und Geschichte unterrichtete. Schömann hatte große Ähnlichkeit mit Chruschtschow, denn er war klein, dick und kahlköpfig. In Schömanns Augenwinkeln waren Lachfalten zu erkennen, die für Augenblicke sichtbar wurden, wenn er die Augen zur Hälfte zukniff und verschmitzt grinste.
In diesen Wochen des September 1953 erhielt Schömann den Spitznamen Nikita.
Als er sich vorstellte, klärte er seine neue Klasse auf:
"Ich bin der personifizierte Zwiespalt zwischen französischem Laisser-faire und deutscher Ordnungsliebe. In mir sind die unnachsichtige Strenge eines preußischen Pedells und gütiges Wohlwollen vereint. Mit anderen Worten, ich bin kein Russe, sondern ein waschechter Saarländer."
"Man muss es ihm nicht mehr sagen", dachte Ulli, Schömann war sich seiner Ähnlichkeit mit Chruschtschow bewusst. Wahrscheinlich wusste er auch schon, dass sie ihn Nikita nannten.

(...)



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