Leseprobe
16
aus
Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956
Die Gallenkolik
Montag, 16. November 1953
(...) Pfarrer Schäfer war ein gefürchteter Choleriker, vor dem sich selbst die erwachsenen Kirchenbesucher fürchteten, wenn er ihnen Sonntag für Sonntag mit erhobener Stimme ihre Verfehlungen und die Sünden ihres Fleisches vorhielt. Den Kindern flößte die riesige Gestalt des Mannes Angst ein, der wegen seines Jähzorns unberechenbar war. Überdies besaß er Hände, die so groß waren, wie Bratpfannen.
Während Pfarrer Schäfer auf Ulli einschlug, brachte er sich durch die gleichzeitige Beschimpfung immer mehr in Rage. Ulli verschränkte die Arme schützend über dem Kopf und hoffte, dass es bald vorüber sein möge. Aber Schäfer begann immer wieder von neuem auf Ulli einzuprügeln.
Nachdem alles vorüber war, stellte Ulli als Erstes fest, dass er sich in die Hose gepinkelt hatte. Jedenfalls war sie völlig durchnässt. Erst danach bemerkte er das Blut, das aus einer Wunde über seinem linken Auge tropfte. Er nahm allen Mut zusammen - denn er wusste, dass er eine neue Prügelattacke riskierte - packte vor Angst zitternd seinen Ranzen und verließ grußlos den Saal.
(...)
Copyright © Klaus Schwingel