Leseprobe
15 aus

Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956



Casablanca
Sonntag, 8. März 1953

(...) Seitdem Ulli das Zimmer unter dem Dach bezogen hatte, wurde er kaum noch kontrolliert. Niemand überprüfte, ob er wirklich schlief oder ob er noch Karl May las. Und dass er am Durchbruch zwischen Dachboden und Scheune Hertas und Hermanns Zeitvertreib im Heu beobachtete, ahnte natürlich auch niemand.
Auf dem Dachboden gab es noch kein elektrisches Licht und so musste sich Ulli bei Dunkelheit vorsichtig zu seinem Zimmer tasten.
Dabei hatte er sie eines Abends zufällig entdeckt. Er hatte ein ungewöhnliches Geräusch gehört und sich vorsichtig über die Brüstung des Durchbruches gebeugt. Da sich seine Augen noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte er zunächst nichts erkennen. Dann verriet sie erneutes Rascheln. Herta und Hermann lagen einige Meter von ihm entfernt knutschend im Heu.
Von diesem Tag an kontrollierte Ulli an jedem Abend die Lage. Zwar fand er das, was er zu sehen bekam, ziemlich albern aber seine Neugier überwog. Außerdem hoffte er mit Stefan gleichzuziehen, der Ulli die unglaublichsten Geschichten über Erwachsene erzählt hatte.
Bis jetzt fand er das Ganze recht langweilig. Hermann hatte während des Schnuddelns immer wieder versucht, Hertas Brust anzufassen, worauf diese seine Hand zurückschob. Einmal hätte normalerweise gereicht, um zu begreifen, dass Herta das nicht wollte. Auch drei oder vier weitere Versuche hätte man ihm noch zugestehen können. Doch Hermann war offensichtlich in einem Zustand vollständiger Umnebelung, denn er versuchte es immer wieder. Als hinge wer weiß was davon ab, dass er Hertas linke Brust in die Hand bekam.

(...)



Copyright © Klaus Schwingel