Leseprobe
14 aus

Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956



Verschmähte Liebe
Mai 1952

(...) Ulli verdankte seine erste Berührung mit der Musik einem, in schwarzes Bakelit gegossenen Radio, einem Volksempfänger, der von morgens bis abends Durchhaltemärsche und "Lilli Marleen" spielte. In dieser Zeit fand sich niemand, der Ullis Liebe zur Musik hätte entdecken und fördern können. Im elterlichen Haushalt gab es kein einziges Musikinstrument. Es gab Zaumzeug, Eggen, Pflüge, Gabeln, Rechen und Äxte. Es gab eine Mähmaschine für Getreide und Heu, eine martialische Dreschmaschine und einen elektrischen Heuaufzug, der die Getreidesäcke auf den Speicher und das Heu in die Scheune brachte.
In Ullis Kinderwelt gab es keine Zeit für brotlose Kunst. Klavier spielen war höheren Töchtern vorbehalten, von Ullis kleinbürgerlicher Welt milde belächelt. Die größte Aufmerksamkeit galt zwei Kühen, denn von ihrem Befinden hing das Wohlergehen der Familie ab. Sie mussten Pflug, Eggen, Mähmaschine und Fuhrwerk ziehen. Fiel eine von ihnen aus, brach der landwirtschaftliche Betrieb zusammen. Die Kühe dienten den Menschen, sie waren unentbehrliche Helfer, und manchmal hatte Ulli den Eindruck, dass sie wichtiger waren als die Menschen. Ja, wenn die Gesundheit einer Kuh von Musik abhängig gewesen wäre, dann hätte Ullis Vater bestimmt ein Klavier in den Stall gestellt und Ulli hätte Tag und Nacht musizieren können. Aber die Kühe waren nicht an Musik interessiert, und so besaß Ulli nicht einmal eine Blockflöte.

(...)



Copyright © Klaus Schwingel