Leseprobe
13 aus

Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956



"... wie ein Affe auf einem Schleifstein"
Montag, 9. September 1946

Die Einschulung Ullis stand bevor. Statt einer Schultüte nahm Vater wieder das Fahrrad hervor. Er holte es aus der Scheune, putzte und polierte es, ölte Kette und Radlager und zeigte Ulli, wie leicht sich die Räder drehten. Er schwang sich auf den Sattel und fuhr mehrmals um Ulli herum, wobei er die Vorzüge des Fahrrades pries. Da sich der Sattel in einer Position befand, die für Vaters lange Beine zu niedrig war, gab der Mann auf dem Fahrrad ein komisches Bild ab.
Ulli, inmitten der konzentrischen Kreise, drehte sich mit dem Rad um die eigene Achse und verfolgte das Schauspiel, das sich ihm darbot.
"Möchtest du auch so Rad fahren?", rief sein Vater, "Ich kann es dir beibringen!"
Ulli antwortete nicht.
"Du steigst einfach auf und ich halte das Rad am Gepäckträger fest."
Ulli schwieg.
"Du brauchst keine Angst zu haben. Ich halte dich gut fest."
Keine Antwort.
"Na, was meinst du? Gefällt dir das?"
"Du siehst aus, wie ein Affe auf einem Schleifstein", rief Ulli und ließ seinen Vater verdutzt zurück.

(...)



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