Leseprobe
12
aus
Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956
Der Kirschendieb
Mittwoch, 29. Mai 1946
(...)
Der Kirschendieb gab auf. Keuchend, in gekrümmter Haltung nach Luft ringend, stand der Mann vor ihnen. Nun würde sich zeigen, ob Vater ein guter Soldat war. Erschießen war nicht möglich, denn Ulli wusste, dass Vater keine Waffe besaß. Obwohl Ulli bei Kirschendieben Erschießen für angemessen hielt. Vor allem, wenn ein Fluchtversuch dazu kam. Wenigstens verprügeln! Das war das Mindeste, was der Junge erwartete, obwohl ihm der Mann inzwischen etwas leid tat, denn er sah ängstlich zu Vater herüber und bettelte:
"Bitte, bitte, nicht anzeigen! Bitte!"
"Versprechen Sie mir, nicht wieder an die Kirschen zu gehen!", sagte Vater.
"Ja, ja, ich verspreche es Ihnen! Nie wieder! Sie werden mich hier nie wieder sehen!"
Weder erschoss Vater den Kirschendieb, noch verprügelte er ihn. Er war nicht einmal vom Motorrad abgestiegen. Kein Wunder, dass er den Krieg verloren hatte.
Langsam drehte Vater die Maschine auf dem holprigen Acker um und sie fuhren zurück auf den Feldweg. Als sich Ulli dort noch einmal umdrehte, stand der Mann noch am selben Platz und machte eine Armbewegung, als wolle er zum Abschied winken.
Zu Hause erzählte Ulli nicht, dass bei der Querfeldeinfahrt plötzlich die Fußpedale weg waren und er beinahe vom Motorrad gefallen wäre. Stattdessen fragte er seinen Vater:
"Warum hast du dem Mann nichts gemacht?"
"Was hätte ich ihm tun sollen?"
"Boxen oder erschießen."
"Er hat mir leid getan", antwortete Vater, "er war ein armer Schlucker, der Hunger hatte."
(...)
Copyright © Klaus Schwingel