Leseprobe
11 aus

Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956



Schorsch der Gendarm
Dienstag, 19. März 1946

Der Gendarm bestand auf einem Protokoll.
Schließlich sei ein Brand von erheblichem Ausmaß entstanden, der leicht vom Schuppen auf das Wohnhaus hätte übergreifen können, wodurch eine nicht unerhebliche Gefahr für Mensch und Tier hätte entstehen können.
"Schorsch", sagte Vater zu dem Gendarm, der eigentlich Georg hieß, "lass die Kirche im Dorf und pack deine Papiere wieder ein!"
"Ausgeschlossen", sagte der Dorfpolizist. Es sei ihm vom Brandmeister der örtlichen Freiwilligen Feuerwehr gemeldet worden, dass der Brand durch explodierende Munition entstanden sei.
Der Besitz von Waffen und Munition sei jedoch verboten. Vor allem aber sei der Gebrauch derselben, sowohl nach saarländischem Strafrecht, als auch aufgrund der Verfügungen der französischen Militärbehörden strafbar. Bei Todesstrafe strafbar! In einem solchen Falle könne er von Amts wegen nicht die Augen verschließen. Er habe schließlich auch Familie und dürfe seine Stellung nicht gefährden, was unweigerlich geschähe, wenn dieser Vorgang dem Hohen Kommissar Grandval in Saarbrücken oder gar General Koenig in Baden-Baden höchstpersönlich vorgelegt werde.
"Schorsch", sagte Ullis Vater, "du bist ein Depp!"
"Ich bin im Dienst", entrüstete sich der Gendarm, "das ist eine Amtsbeleidigung!"
"Schorsch, ich sage dir nun ein für alle Mal: Pack deine Papiere zusammen und verschwinde."
Ulli kannte diesen Ton an seinem Vater. Von diesem Moment an ging der Gendarm haarscharf an einer Ohrfeige vorbei. Offensichtlich wusste das auch Schorsch der Dorfpolizist, der Vater aus der Schulzeit kannte, denn als sich Ullis Vater wortlos vom Tisch erhob, raffte der Gendarm eilig alle Papiere zusammen und steckte sie in seine Tasche.
"Unter Protest", sagte er, "ich gehe unter Protest! Aber ich komme wieder! Verlass dich drauf!"
"Gut!", sagte Ullis Vater, "Bring Grandval mit - oder General Koenig - dann reden wir weiter."
"Dir wird das Lachen schon noch vergehen". Der Gendarm klemmte die Tasche unter den Arm und machte eine viel sagende, weit ausholende Geste mit der freien Hand. "Dir wird das Lachen noch vergehen!"
"... oder de Gaulle", sagte Ullis Vater, "bring de Gaulle mit. Er kann alles haben, was hier noch an Munition, Panzerfäusten, Handgranaten und Gewehren herumliegt.

(...)



Copyright © Klaus Schwingel