Leseprobe
10 aus

Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956



Auf zarter Haut
Sonntag, 14. Oktober 1945

Der unglücklichste Tag war der Sonntag. Denn sonntags gab es frische Wäsche. Ulli ergriff die Flucht, wenn seine Mutter morgens damit ankam und alles zurechtlegte, was er anziehen sollte. Aber Mutter war unerbittlich.

Woche für Woche, Sonntag für Sonntag focht Ulli einen vergeblichen Kampf gegen die unerbittlichen Urgewalten mütterlicher Fürsorge. Er versuchte es mit Protest. Vergebens. Er versuchte es durch gutes Zureden. Umsonst. Er versuchte es mit Artigkeiten und ehrenwörtlichen Versprechen. Einmal ließ er sich sogar zu dem Versprechen hinreißen, niemals wieder mit Uschi zu streiten. Aber Mutter ließ sich nicht erweichen.

Sie hatten den Krieg mit seinen Schrecken überstanden, den gespenstischen Keller und die mörderischen Tiefflieger. Doch das alles war kein Vergleich zu der seelischen Grausamkeit, die Ulli nun im Frieden widerfuhr. Er brüllte seinen hilflosen Schmerz aus der misshandelten Seele. Er protestierte und flehte. Aber nichts half. Ulli musste frische Strümpfe anziehen.

(...)



Copyright © Klaus Schwingel