Leseprobe
09 aus

Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956



Vaters Heimhehr
Sonntag, 12. August 1945

Ulli war fünf, als sein Vater an einem friedlichen Sonntagmorgen aus dem Krieg heimkehrte. Der Junge erkannte den Mann sofort, der gebeugt unter der Last eines Fahrrades die Dorfstraße herauf kam. Er kannte den Mann von den Bildern, die in der Küche hingen und von dem großen Hochzeitsbild im Schlafzimmer - über dem Doppelbett.
Im ersten Moment wollte der Fünfjährige weglaufen. Aber dann blieb er stehen, obwohl er sich fürchtete. Sie waren ganz alleine auf der Straße. Es kam kein Auto. Die Menschen waren in ihren Häusern.
Der Mann trug einen hellen Leinenanzug, der voller Flecken und zerknittert war. Ulli hatte sich seinen Vater immer in Uniform vorgestellt, denn auf den meisten Bildern war er als Soldat abgebildet aber dieser Mann trug keine Uniform. Und anstatt eines Gewehrs hatte er ein Fahrrad auf dem Rücken, von dessen Last er niedergedrückt wurde. Sollte es nicht umgekehrt sein, sollte nicht das Fahrrad den Mann tragen?

(...)



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