Leseprobe
08 aus

Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956



Die Franzosen
Juli 1945

(...) Die neuen Soldaten waren nicht besonders beliebt. Die Leute schimpften über sie und gingen ihnen aus dem Weg. Besondere Furcht hatten die Frauen. Mutter sagte, man könne nicht mehr allein auf die Straße gehen.
"Wenn Vater doch nur zu Hause wäre!"
"Fürchtest du dich vor den Franzosen?", fragte Ulli.
"Sie haben mir nichts getan", antwortete Mutter, "aber sie hassen uns."
"Ich fürchte mich vor dem Coburger", sagte Ulli, "heute war er wieder auf der Straße."
"Aber der Jupp tut dir nichts. Er ist nicht richtig im Kopf, aber er tut niemand was."
"Er ruft immer: 'Coburger, Hals ab!' ..."
"Ich weiß", sagte Mutter.
"... aber heute hat er 'Franzosen, Hals ab gerufen!'"
Mutter erschrak:
"Wirklich? Mein Gott! Hoffentlich hören sie das nicht."
"Sollen Sie es doch hören", mischte sich Endrikat ein, "was wollen sie denn mit dem armen Irren machen?" Und nach einer Weile fuhr er fort: "Es sind gar keine richtigen Franzosen, sondern maghrebinische Hühnerdiebe, Marokkaner und Algerier, vor denen man alles in Sicherheit bringen muss. Der Coburger ist der Einzige, der ihnen die Wahrheit sagt!"
Mutter antwortete nicht, aber der Blick, den sie dem alten Endrikat zuwarf, machte klar, dass sie Endrikat an Ullis Gegenwart erinnerte.

(...)



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