Leseprobe
05 aus

Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956



Der Schuss
Montag, 19. März 1945

(...) Ulli hob den mächtigen Karabiner, den er kaum zu halten vermochte, in die Höhe und legte fachmännisch an, wie er es bei den Soldaten und Onkel Jus gesehen hatte und feuerte. Der Schuss zerfetzte die gespannte Stille zwischen den Fronten. Die Schallwellen dröhnten auf Ullis Trommelfelle und raubten ihm das Gehör. Für einen Augenblick verlor er Halt und Orientierung und als er begriff, was geschehen war, saß er auf dem Boden. Der Karabiner war seinen Händen entglitten und lag ungefähr zwei Meter von ihm entfernt.
Sein Gehör kehrte allmählich zurück. Aber ein zweiter Schuss war unmöglich, denn die Patrone, die sie zuvor gewaltsam in das Schloss gezwungen hatten, saß fest.

Ulli betrachtete den Karabiner als eine Trophäe. Er bewunderte dieses Spielzeug aus Stahl und perfekter Technik, den glatten, polierten Holzschaft und den Geruch nach Öl und verbranntem Pulver. Alle Soldaten, die im Dorf gewesen waren, hatten solche Gewehre besessen. Es schien eine geheimnisvolle Macht von ihnen auszugehen. Ulli hatte diese Macht nicht an sich selbst wahrgenommen, aber er spürte, dass sich die Erwachsenen vor den Gewehren fürchteten. Bei seiner Mutter spürte er es am deutlichsten. Mit einem Gewehr wurden Menschen erschossen. Ein Mensch, der von einem Gewehrschuss getroffen wurde, fiel um und war tot. So tot wie Großmutter.
Die Soldaten mussten möglichst viele gegnerische Soldaten erschießen, denn wer die meisten Soldaten erschoss, war Sieger.

(...)



Copyright © Klaus Schwingel