Leseprobe
04 aus

Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956



Tot sein ist nicht einfach
Sonntag, 18. März 1945

(...) Ihr Gesicht blieb regungslos, wie das Gesicht einer Puppe oder das eines aus Holz geschnitzten Schaukelpferdes.
Außerdem atmete Großmutter nicht mehr. Ulli versuchte herauszufinden, ob sie es vielleicht heimlich tat. Möglicherweise schlief sie nur und atmete durch die Nase.
Der Junge behielt minutenlang Großmutters Brust im Auge, um herauszufinden, ob sie sich unter dem weißen Leichentuch hob oder senkte. Aber Ulli konnte nicht die Augen ununterbrochen offen halten. Die kurzen Blickunterbrechungen durch die Augenlider, die er nicht vermeiden konnte, behinderten und ärgerten ihn.
Manchmal kamen auch Besucher in das Zimmer, um von Ullis Großmutter Abschied zu nehmen. Diese Leute störten ihn ganz besonders, denn sie blieben neben dem Sarg stehen und versperrten Ullis Blick auf die Tote. Noch lästiger war es, wenn sich die Besucher verpflichtet fühlten, ihn zu trösten, denn Ulli bedurfte keines Trostes. Er wollte nur wissen, wie es ist, wenn man tot ist.
Schließlich versuchte er, seine Großmutter nachzuahmen und seinem eigenen Gesicht jene unveränderliche Starre zu verleihen. Doch auch das gelang nicht. Er konnte es nicht so lange ohne Atem aushalten wie Großmutter, und wenn er sich im Spiegel beobachten wollte, musste er die Augen öffnen. Dann versuchte er, die Augen bis auf einen schmalen, kaum noch wahrnehmbaren Spalt zu schließen, aber das hielt er nur wenige Sekunden lang aus.
Tot sein war nicht so einfach.

(...)



Copyright © Klaus Schwingel