Leseprobe
03 aus

Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956



Letzte Unruhe
März 1945

(...) "Kann man im Himmel spielen, Oma?"
"Oh ja! Nirgends kann man besser spielen als im Himmel."
"Auch Fußball?"
"Auch Fußball!"
"Nimmst du mich mit?"
"Das wird leider nicht möglich sein, Ulli. Denn in meinen Himmel kommen nur Großmütter. Die Kinder haben einen eigenen Himmel. Das ist es ja gerade. Darum hoffe ich, dass du mir nicht böse bist, wenn ich dich alleine zurück lasse."
Ulli dachte nach. Er hatte ja noch Mutter und das Baby. Und Stefan, seinen Freund aus der Nachbarschaft.
"Ich bin dir nicht böse", entschied er nach kurzem Nachdenken.
"Bist du auch nicht traurig? Denn wenn ich sterbe, werden viele Menschen traurig sein, weil sie einfach nicht wissen, wie schön es in meinem Himmel ist. Darum werden sie vielleicht sogar weinen. Aber du kennst ja nun mein Geheimnis und weißt, dass du nicht traurig sein musst."
Daran, dass er vielleicht traurig sein könnte, wenn Oma stirbt, hatte Ulli noch nicht gedacht.
"Dann muss mir halt Mutter Geschichten vorlesen", sagte er.
"Ja, deine Mutter wird dir Geschichten vorlesen, wenn ich nicht mehr da bin."
"... oder Herta", ergänzte Ulli.
"Ja", wiederholte Großmutter: "... oder Herta", und plötzlich hatte sie Tränen in den Augen.

(...)



Copyright © Klaus Schwingel