Leseprobe
02 aus

Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956



Der alte Endrikat
Samstag, 17. März 1945

(...) Endrikat holte den Kautabak und ein eigens präpariertes Brettchen hervor. Dann begann er mit seinem Taschenmesser kleine Stückchen von dem gewundenen Strang abzuschneiden. Ulli beobachtete die Prozedur jeden Morgen. Endrikat legte jedes einzelne Tabakstückchen, bis auf eines, sorgfältig in eine Blechdose, die er verschloss und als Tagesration in seine Jackentasche steckte. Ein Priem blieb auf dem Brettchen liegen. Danach verstaute der alte Endrikat die Kautabakrolle, klappte das Messer zu und steckte es in die Tasche. Dann kam der Moment, auf den Ulli jeden Morgen wartete. Endrikat führte den Priem zum Mund, wobei er Ulli einen kurzen, verschworenen Blick zuwarf, konzentrierte sich aber dann wieder auf den Priem. Kurz vor dem Mund hielt er noch einmal genüsslich inne, bevor er den Tabak endlich in den Mund schob, als sei es ein Bonbon oder eine Lakritzstange. Endrikat verdrehte dabei vielsagend die Augen und begann andächtig zu kauen.
Während dieser Prozedur, die von Tag zu Tag zur reiferen Zeremonie wurde, seit Endrikat Ullis Interesse bemerkt hatte, hielt Ulli den Mund halb geöffnet und vollzog die Mundbewegungen des alten Mannes andächtig mit, so, als führe er selbst ein Bonbon zum Mund. Und begann Endrikat dann mit dem Kauen, tat es Ulli auch. Er schloss seinen kleinen, leeren Mund und vollführte hingebungsvoll synchrone Kaubewegungen zu denen des alten Endrikat.

(...)



Copyright © Klaus Schwingel