Leseprobe
01 aus

Vaters Rad
Eine saarländische Kindheit
1945 - 1956



Der verlorene Schuh
Freitag, 16. März 1945

(...) Der Fünfjährige stand gebannt von dem ungewöhnlichen Schauspiel und starrte mit großen, staunenden Augen in das aufblitzende Mündungsfeuer der fliegenden Maschinengewehre. Er war noch zu unerfahren, die tödliche Gefahr zu erkennen und versuchte instinktiv den Lärm abzuwehren, indem er die kleinen Hände an die Ohren hielt. Doch seine Mutter hatte ihn bereits am Arm gepackt und zog ihn von der Stelle, an der er gerade noch wie angewurzelt gestanden hatte. Ulli stolperte und fiel. Aber seine Mutter ließ nicht los, sie zwang ihn, zog ihn, schleifte ihn über die unwegsamen Schollen. Rennend, stolpernd, schreiend erreichten sie den rettenden Wald, bevor die beiden heulenden Tiefflieger zurückkehrten.
Nun erst wurde Ulli von panischer Angst ergriffen und begann zu weinen. Er misstraute dem Schutz des Waldes, denn durch die kahlen Baumkronen hindurch waren die lauernden Angreifer gut zu sehen, die genau über ihnen kreisten. Erst als ihm seine Mutter die Schürze über den Kopf gestülpt hatte, beruhigte er sich. Nun konnten ihn die Flieger nicht mehr sehen.

(...)



Copyright © Klaus Schwingel